Über Führung in der Hundewelt
Bei uns in der Membership geht es heute Abend um das Thema "Sicher führen".
Und wir alle wissen: In der Hundewelt wird mit Führung viel assoziiert: Dominanz. Stärke. Strafen. Grenzen setzen. "Der Hund muss wissen, wo sein Platz ist". "Du musst der Alpha sein."
Oftmals lohnt sich bei solchen Themen dann der Blick in die Literatur oder zur Wissenschaft. Denn tatsächlich gibt es bezüglich "Führung" oder "Führungsverhalten" relativ viele Definitionen. Häufig stammen diese aus der Ökonomie, also aus wirtschaftlichen Büchern, die sich mit Leadership und Co. befassen. Doch spannenderweise sind diese Definitionen von Führung weit von dem entfernt, was man in der Hundewelt oftmals unter Führung versteht.
So schrieb Ralph M. Stogdill in seinem Buch "Stogdill's Handbook of Leadership" (1974): "Führung kann als Einflussnahme auf die Aktivitäten einer organisierten Gruppe verstanden werden, bezogen auf Zielsetzung und Zielerreichung."
James MacGregor Burns definierte in "Leadership" (1978) Führung folgendermassen: "Führung liegt vor, wenn Personen mit anderen so interagieren, dass Führende und Folgende einander wechselseitig auf höhere Stufen von Motivation und Moral bringen."
Zielsetzung und -erreichung, höhere Stufen von Motivation und Moral: Das klingt alles andere als nach dem aggressiven, strafenden Durchsetzen der eigenen Interessen. In der (Verhaltens-)Biologie sind die Definitionen etwas einfacher, abstrakter gehalten.
Smith (2018) definierte Führung bei Tieren wie folgt: "Führung bei Tieren liegt vor, wenn ein Individuum oder eine Teilgruppe wiederholt einen überproportionalen Einfluss auf Verhalten, Bewegung oder Entscheidungen anderer Gruppenmitglieder ausübt."
Oder eine Definition von Strandburg-Peshkin et al, 2018: "Ein Individuum hat Einfluss, wenn seine Handlungen eine Verhaltensänderung bei Gruppenmitgliedern bewirken."
Spannend ist bezüglich Führung der Blick zu den Wölfen. Wie wir ja wissen: Der Alpha-Wolf wird immer wieder für Vergleiche herangezogen: Sei es, um "Männlichkeit" zu definieren, sei es, um Hunde zu führen. Gerade die Arbeit von Peterson et al (2002) gibt hier einen höchst interessanten Einblick, wie Wölfe denn genau führen. Die Forschenden haben das Führungsverhalten dabei in 3 Bereiche unterteilt:
Frontal Leadership
Der Wolf, der auf der Pirsch, bei der Hetzjagd oder beim Erkunden zuvorderst läuft UND die Bewegungsrichtung sowie Geschwindigkeit der Gruppe lenkt.Nonfrontal Leadership
Ein Wolf, der zwar nicht zuvorderst läuft, aber mit eigenen Handlungen die Bewegungsrichtung als auch die Geschwindigkeit des Rudels beeinflusst.Activity initiation
Der Wolf, der mit seinem eigenen Verhalten bzw. seinen eigenen Handlungen Aktivitäten der restlichen Gruppenmitgliedern auslöst.
Zudem haben die Forschenden einen sogenannten "Leadership bout" beobachten können. Ein Leadership bout ist nichts anderes als der Wechsel der "Frontal Leadership". Also ein Tier gibt die Führung ab und ein anderes übernimmt.
Die Gruppe um Peterson - zu der auch die renommierten Wolfsforschenden Douglas W. Smith (Leiter Wolfswiederansiedlung Yellowstone Nationalpark) und Lucyan David Mech gehörten - stellten fest: Es gibt nicht den Alpha-Wolf.
Vielmehr übernehmen beide Elterntiere zwischen 64% und 71% Prozent die Führung im Familienverbund. Dabei teilen sie sich die Führungsarbeit auf, in einem Verhältnis von etwa 50:50. Die Jährlinge übernehmen dabei in 21% bis 36% der Zeit die Führung der Gruppe. Ebenfalls konnte festgestellt werden: Activity initiation passiert vor allem bei jenen Tieren, die in der Vergangenheit für das Rudel kluge Entscheidungen getroffen haben. Klug im Sinne von:
Auf der Jagd in die richtige Richtung geführt
Eine Abkürzung entdeckt
In ein wildreiches neues Gebiet geführt
usw.
Peterson et al kommen deshalb zum Schluss, dass Führung bei Wölfen nicht errungen, sondern von den anderen Gruppenmitgliedern gewährt wird. Dies vor allem deshalb, weil diese Anführer in der Vergangenheit zum Wohl der Gruppe agiert haben. Da es sich bei Wolfsrudeln in den allermeisten Fällen um Familien handelt, sind naturgemäss die Eltern aufgrund ihrer Erfahrung, ihrer Kompetenz usw. die Anführer. Sie überlassen aber - nicht zu einem unerheblichen Anteil - die Führung auch ihrem Nachwuchs. Den Alpha-Wolf gibt es also nicht (im Gegenteil: In der Tendenz übernehmen öfters die Muttertiere die Führung). Genau so wenig wie Führung mit Strafen, Aggression, Stärke zu tun hat.
Wynne (2021) streicht heraus, dass gerade aversive Methoden weit weg von guter Führung seien: Ein Tier, so Wynne, würde die Führung nie an ein anderes Individuum abtreten, wenn es von diesem häufig negative Konsequenzen erfahre. Sei es, weil der Hund ständig in für ihn überfordernde Situationen geführt oder aber häufig gestraft werde.
Woher also diese häufig bediente Definition von Führung - “Du musst dominant sein!”, “Du musst der Alpha sein!”, “Dein Hund darf nur hinter dir aus der Tür!” - auch kommen mag: Sie ist falsch.
Führung ist, nach meiner Definition, unter Berücksichtigung der Bedürfnisse, Stärken und Schwächen aller Gruppenmitgliedern gemeinsam ein Ziel zu erreichen. Zum Wohle der gesamten Gruppe.
Auf den Hund übertragen: Ich führe meinen Hund, wenn ich uns meine, aber auch seine Bedürfnisse, Stärken und Schwächen berücksichtige und entsprechend diesen handeln, sodass es uns beiden gut geht.