Ich mache gerade eine Auszeit von Social Media. Und diese Auszeit habe ich nötig. Denn: Social Media ist nicht real. Schon gar nicht was Hundetraining betrifft.

In einem Survey (Howell et al, 2026) wurden Hundetrainer:innen befragt, was denn nach ihrer Meinung gegen Menschen gerichtetes Aggressionsverhalten fördere bzw. auslöse. Über 94% der teilnehmenden Trainer:innen gaben dabei unter anderem an, dass aversive bzw. konfrontative Trainingsmethoden ihren Teil dazu beitragen.

94%. Wenn man nun auf Social Media schaut, sieht das Bild ganz anders aus. Oder es wird einem zumindest dieses Gefühl vermittelt. Hier kommt man zum Schluss, dass aversive Trainingsmethoden wieder zurück sind. Und immer härter, häufiger und verbreiteter werden. Ist nun diese wissenschaftliche Umfrage falsch? Oder mein Eindruck auf Social Media?

Wir müssen uns bewusst sein: Auf Social Media findet kein Hundetraining statt. Keine Herausforderung, kein Verhaltensproblem wurde je über Social Media gelöst. Aktuell, so mein Eindruck, sorgt Social Media im Hundetraining eher für Probleme denn als diese gelöst werden.

Das hat auch damit zu tun, wie Social Media in den meisten Fällen funktioniert. Immer wieder muss ich schmunzeln, wenn dem Algorithmus sozusagen eine höhere Intelligenz zugesprochen wird. Der böse Algorithmus, der Gewalt, Nacktheit und nahezu alle Ismen (Rassismus, Nationalismus, Fundamentalismus usw.) fördert, die wir Menschen uns ausdenken. Doch der Algorithmus ist dumm. Das Einzige, was dieser macht, ist, Inhalte zu fördern, die viele Interaktionen, viele Kommentare, viele Aufrufe erhalten. Der Algorithmus ist also nicht der Grund, warum z. B. radikale Inhalte enorme Reichweiten erhalten. Der Grund ist das Verhalten von uns Menschen.

Einen Einblick liefert da z. B. Louis Theroux' Dokumentation über die sogenannte Manosphere: Radikaler, anstössiger, enthemmter müssen Inhalte sein. Dann erhalten sie Aufmerksamkeit von uns Menschen. Der Algorithmus macht keinen Unterschied, ob eine Interaktion positiv oder negativ ist. Er stellt nur fest: Solche Beiträge, Reels und Posts erhalten Aufmerksamkeit. Sie interessieren die Menschen, ergo dürfte das auch alle anderen Benutzerinnen und Benutzer der Plattformen interessieren. Dabei hilft es, wenn man gegen etwas ist: Gegen Veganismus, gegen Feminismus, gegen alles und jeden. Weil dies Widerspruch auslöst ("Spinnt der eigentlich?") oder aber Zustimmung ("Endlich sagt es mal jemand!").

Selbiges ist im Bezug auf Hundetraining zu beobachten: Härtere Strafen im Reel sorgen für endlose Diskussionen in den Kommentaren und zig Aufrufe. Provokante Aussagen sorgen für Wider- und Zuspruch, häufig entwickelt sich ein hitziger Disput unter solchen Posts. Mehr Interaktion, mehr Sichtbarkeit, mehr Einnahmen. So die einfache Rechnung.

Ich selbst habe das nach einer kurzen Analyse meiner eigenen Beiträge und Videos feststellen können: Sobald ich einen Beitrag geschrieben habe, der GEGEN aversive Trainingsmethoden zielt, habe ich viel mehr Aufrufe, Kommentare, Likes. Solche Beiträge werden viel häufiger geteilt. Beiträge FÜR belohnungsbasiertes Training hingegen erhalten viel weniger Aufmerksamkeit. Wenn ich mir nun die Inhalte von gerade "berühmten" (grosses Fragezeichen hier: Die Anzahl Follower:innen sagt noch überhaupt nichts darüber aus, wie viele Kund:innen tatsächlich vor Ort im Training sind) Hundetrainer:innen anschaue, die starke aversive Methoden einsetzen, die sich offen, bewusst und meist äusserst provokant gegen belohnungsbasiertes Training positionieren, stelle ich fest: Es wird mit dem Algorithmus gespielt.

In vielen älteren Beiträgen und Reels sind die Inhalte solcher Trainer:innen meist harmlos. Man erkennt eine Tendenz zum sogenannten balanced Training (also belohnungsbasiertes Training im Aufbau von Verhalten, aversives Training bei der Arbeit an Fehlverhalten). Und meist gibt es dann einen Wendepunkt: In einem Beitrag (eher meist: einem Video) wird die Arbeit an Fehlverhalten gezeigt, inklusive aversive Trainingsmethoden. Die Views, Likes, Kommentare explodieren hier förmlich. Und dann passiert das, was auf Social Media leider immer passiert: Es wird mehr solcher oder ähnlicher Inhalt erstellt. Entsprechend gehen die Follower:innen-Zahlen nach oben, eine massive Zunahme an Interaktion erfolgt. Dabei haben sich einige dieser Personen regelrecht darauf spezialisiert, die Diskussion in den Kommentaren anzuheizen: Es werden radikale, in der Realität kaum mehr vorhandene Positionen vertreten, es wird beleidigt, beschimpft, provoziert.

Es geht hier nicht um Hundetraining. Es geht um Social Media. Um Reichweite. Um Follower:innen-Zahlen. Radikalismus im Hundetraining ist lukrativ und der Algorithmus macht dann seine Arbeit. Es geht also viel zu sehr um den Trainer oder die Trainerin und nicht um den Hund.

Das sieht man dann sehr oft auch an den Profilen und auf den dazugehörigen Websites (meist mit einem Linktree dargestellt): Hier wird noch ein Zusatzprodukt verkauft, da ist noch eine Patreon-Seite, hier gibt's noch ein Billig-Seminar für Online-Marketing. Die Werbevideos wirken wie Trailer für den neuesten Hollywood-Film. Und dann gibt es natürlich die "Deluxe-Angebote", wo Hundemenschen für tausende von Franken (oder Euro) eine schnelle Lösung für ein Problem angeboten wird. "In nur 3 Trainings von der Bestie zum Lämmchen", sozusagen. "Für nur 2'000!".

Oftmals stelle ich fest: Das hat irgendwie etwas von passivem Einkommen, von Influencer:innen, die sich in Dubai aufhalten und Menschen Kurse verkaufen, die sie auch dahin bringen sollen. Nur hat das hat nichts, aber gar nichts mit den realen Problemen von Hundemenschen und vor allem überhaupt nichts mit Lösungen für diese Menschen zu tun. Richtiges Hundetraining ist harte Arbeit, für Trainer:innen und die Hundemenschen. Richtiges Hundetraining arbeitet mit Anamnesen, mit Trainingsplänen, Anleitungen. Verhalten von Hund und Mensch werden angepasst, es werden Management-Strategien eingeführt, es wird ein Trainingsweg definiert, der individuell auf Hund und Mensch zugeschnitten ist. Allein nach dem Ersttermin einer Verhaltenstherapie fallen bei uns etwa 2-3 Stunden Aufwand für das Ausarbeiten des Vorgehens unter Berücksichtigung aller Faktoren (Persönlichkeiten von Hund und Mensch, Umwelt des Alltags, Stärken des Teams usw.) an. Keine Trainerin und kein Trainer der Welt kann in 2-3 Stunden (auch nicht für über 1'000 Franken) Aggressionsverhalten eines Hundes therapieren. Dieses Training passiert im Alltag des Menschen durch den Menschen in Begleitung des Trainers oder der Trainerin und kann mehrere Wochen oder gar Monate in Anspruch nehmen. Eine einfache Lösung hierfür, wie oft versprochen wird, gibt es nicht; es sei denn, das Wohlbefinden des Hundes wird ignoriert und es wird mit krassen, tierrechtswidrigen Strafen gearbeitet.

Social Media macht aus Hundetraining eine völlig andere Welt. Eine Welt, die nicht real ist. Eine Welt, in der man "beweisen" muss, dass man auch mit belohnungsbasiertem Training Aggressionsverhalten therapieren kann. Eine Welt, in der dir Menschen nichts glauben, es sei denn du zeigst ein krasses Video von einem Hund, der gerade einen Artgenossen zerfleischen will (und dann kommt der krasse Trainer oder die krasse Trainerin und "zähmt" diesen Hund). Das ist weder real, noch professionell noch hat das irgendwas mit gutem Hundetraining zu tun.

QUELLEN

Howell, Helen, et al. "Factors influencing the expression of human directed dog aggression. A qualitative study of professional opinion." Applied Animal Behaviour Science (2026): 106999.

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Training für die Situation, nicht in der Situation

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Wenn der Vorurf des Bias biased ist