Spaziergangsgedanken
Anderthalb Stunden sind nur für mich und meine Hunde reserviert. Anderthalb Stunden gehen wir spazieren. Dabei spazieren meine Gedanken immer mit.
Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, mein Smartphone für die Spaziergänge, insbesondere die grosse Runde am frühen Nachmittag, zuhause zu lassen. Denn die Spaziergänge sollen mir und meinen Hunden gehören. Wir tauchen dabei ab in eine Welt fern von Computer, Benachrichtigungen, Nachrichten und Anrufen. Wir tauchen ab in eine Welt, die wunderbar zeitlos ist. Farbenfroh. Geräuschvoll.
Einfach durch die Welt gehen und diese wahrnehmen: Deshalb mag ich diese anderthalb Stunden dermassen. Es gibt kein Druck, kein Sofort, kein Jetzt. Nur ich und meine Hunde und meine Gedanken. Dabei ist es faszinierend, was man alles wahrnehmen kann. Wenn man denn hinhört und hinschaut und hinriecht.
Das Summen der Bienen über den bereits blühenden Rapsfeldern. Der Ruf des Rotmilans hoch über uns. Das Plätschern im grossen grünen Fluss namens Aare, der träge neben uns her fliesst. Das interessante Geräusch, dass der Biber macht, wenn er gerade an einem Baumstamm nagt, um sein Zuhause auszubauen - irgendwo im hohen Schilf, das sich raschelnd im Wind hin und her bewegt. Und dann ist da noch das Bellen eines Hundes irgendwo in der Ferne, der die Ankunft eines Menschen in seinem Revier kundtut - oder einfach eine:n Fahrradfahrer:in verbellt.
In diesem Schilf hat der Biber sein Zuhause.
Oftmals streife ich mit meinen Hunden eher ziellos durch unser kleines Paradies, das zwischen dem Ufer der Aare und einem Waldesrand liegt, am Rande des kleinen Stausees, in dem meine Hunde so gerne baden und Fische im seichten Gewässer jagen und über dessen klare Oberfläche jeden Nachmittag der Ruf des Kuckucks hallt. Dieser kleine Ort, wo wir zwischen Raps- und Grasfeldern durchgehen. Wo wir, mit etwas Glück, den Biber tatsächlich zu Gesicht bekommen. Oder einen Blick auf den Goldschakal werfen können, der gerade in den Wald huscht. Allein dieser kleine Fleck Erde bietet etwas, was ich so oft vermisse: Unbeschwertheit, Gelassenheit, Wahrnehmung, Dasein. Für mich, meine Hunde und meine Gedanken.
Und irgendwann zwischen dem Wahrnehmen des Rauschens der Flügel des Graureihers, der gerade über unsere Köpfe geflogen ist und dem Erspähen eines Schellenten-Paares auf einem Stein am Ufer der Aare, kommen meine Gedanken in Gang. Ganz automatisch.
Das Schellenten-Paar - ein sehr seltener Anblick in der Schweiz.
Ab und zu ist es so, dass mich diese Gedanken den halben Spaziergang beschäftigen und ich trotzdem die Welt um mich in mich aufsauge. Ich tauche dann durch die Welt in mich ab - in meine Welt. Meine Gedanken spazieren immer mit.
Teilweise bin ich so tief in der Welt - jener um mich herum und jener in meinem Kopf - versunken, dass ich völlig überrascht bin, wo wir uns auf dem Spaziergang befinden. “Wie bin ich jetzt so schnell zur Sitzbank gelangt?”, frage ich mich dann oft. Zu der Sitzbank am Ufer der Aare, beim kleinen Sandstrand (wo ich die Füsse wie am Meer in den Sand eingraben kann und den Sand zwischen meinen Zehen verreibe), mit Blick auf die kleine Insel mitten im Fluss. Zur Sitzbank, wo ich immer ein paar Minuten raste, zu dieser kleinen, überwucherten Insel blicke und die Blässhühner bei ihren Tauchgängen beobachte. Hier, an diesem Ort, diskutiere ich mit meinen Gedanken, oftmals solange, bis das Schwanen-Paar in unsere Nähe kommt und uns aufmerksam beobachtet. Ein Zeichen für Aufbruch.
Die Gedanken kreisen dabei oft um Hunde und Hundetraining. “Warum geht es bei diesem Mensch-Hund-Team nicht richtig vorwärts?”, zum Beispiel. Oder: “Habe ich das wirklich genau genug erklärt?”. Oder: “Wie können wir das Training beim Problem dieses und jenes Hundes angehen?”. Und oftmals kommen mir in dieser meiner Welt, unserem Paradies, die besten Ideen (okay, ab und zu kommen mir die auch, wenn ich am duschen bin).
Aber dann und wann, ich weiss gar nicht genau, warum, denke ich über andere Dinge nach. Über die Unbeschwertheit an diesem Ort, wo meine Hunde, zumindest fühle ich das so, genau so unbeschwert und gelöst sind wie ich. “Sollte nicht das Leben, mein Leben, immer so sein?”, frage ich mich dann. Fernab von Internet, Mails und Smartphones? Wäre es immer noch dasselbe, wenn jede Stunde, jede Minute meines Lebens genau so wäre? Oder würde der Glanz des Moments im Strom der Normalität verschwinden?
Oftmals singe oder summe ich dann vor mich hin. Und denke mir, nicht unbelustigt: “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins!”. Nur: Das Sein ist leicht, aber was ist mit dem Inhalt des Seins? Mit dem, was wir gemeinhin als Leben bezeichnen?
Während also meine Gedanken kreisen, sich drehen und winden und mit mir spazieren, sind meine Hunde eben genau dies: Meine Hunde. Sie schnüffeln, erkunden und tauchen ab in ihre Welt. Und oftmals sind sie es, die mich daran erinnern, dass die Welt - das Sein - da ist, um wahrgenommen zu werden. In all seinen Facetten, in all seiner wunderbaren Leichtigkeit und süssen Beschwertheit. Wie kann es sein, dass sich zwei Hunde, zufrieden mit sich selbst, 2 Minuten mit dem Geruch an einem Grasbüschel beschäftigen, währenddessen wir von Nachrichten, Notifications, Mails und Co. überfordert werden? Wie kann es sein, dass ich die Welt, so wunderbar herrlich, ruhig, schnell, laut und vielfältig sie ist, nur dann wahrnehme, wenn ich an diesem Fleckchen Erde spazieren gehe?
Atréja schnüffelt seit rund einer Minute an dieser Stelle. Was sie wohl entdeckt bzw. erschnüffelt hat?
Im Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, halte ich inne. Ich höre die Spatzen in unserem Garten. Den Ruf des Rotmilans irgendwo im Himmel. Das sanfte Gurren der Türkentauben auf dem Hausdach nebenan. Das tiefe Ausschnaufen meiner Hunde, die neben mir im Büro auf ihren Bettchen liegen und gerade eingeschlafen sind. Und irgendwo in der Ferne bellt ein Hund und kündigt die Ankunft eines Menschen in seinem Revier an - oder verbellt gerade den Postboten oder die Postbotin.
Die Welt ist schön, denke ich mir. Das Leben ist schön. Das Sein mag zwar unerträglich leicht sein - aber auch das ist schön.